Journal
28.11.2009
Helden auf vier Pfoten
Die Rettungshundestaffel Grafschaft Bentheim hilft bei der Suche nach Vermissten
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Von Dagmar Thiel (Text) und Werner Westdörp (Fotos) - Um punkt 13 Uhr wird es ernst. Einsatzleiterin Regina Schroven weist Hundeführerin Jutta Exeler knapp ein: „Frau zwischen 30 und 40 Jahren wird seit heute 3.30 Uhr vermisst. Sie wurde hier zum letzten Mal gesehen, als sie nach einer Feier querfeldein nach Hause laufen wollte.“ Immerhin hat die Vermisste ein Taschentuch verloren. Und das könnte ihre Rettung sein. Denn Jutta Exeler geht mit Mischlingshündin Ronja auf die Suche – und die hat eine ausgesprochen gute Nase. Ronja ist ausgebildete Helferin auf vier Pfoten und gehört zur Rettungshundestaffel Grafschaft Bentheim.In Naturschutzgebiet Tillenberge bei Brandlecht traf sich der Verein am vergangenen Wochenende zur 24-Stunden-Übung. Staffelleiter Friedel Rode hatte sich ein umfangreiches Programm für die 14 Hunde und ihre Besitzer ausgedacht. Sie waren nonstop im Einsatz, um das Suchen vermisster Personen unter möglichst realen Bedingungen zu üben. „Eine Rettungshundausbildung ist reizvoll für alle, die ihren Hund artgerecht beschäftigen und sich selbst ehrenamtlich einsetzen wollen. Mitzubringen sind aber viel Zeit und Engagement“, sagt der 70-jährige Rode. Dafür sind Rettungshunde und ihre Halter zweifellos echte Helden: Sie sind immer zur Stelle, wenn Menschen vermisst werden.
2003 hat sich die Rettungshundestaffel Grafschaft Bentheim als gemeinnütziger Verein gegründet. Bei den Einsätzen werden meist Demenzkranke gesucht, aber auch selbstmordgefährdete Personen oder vermisste Kinder. „Die größte Freude ist es, einen Vermissten auch zu finden. Immer gelingt das aber leider nicht“, sagt Vereinsvorsitzende Jutta Exeler. Die Rettungshundestaffel kann bei jeder Vermisstensuche ohne kriminellen Hintergrund alarmiert werden. „Wichtig ist, dass wir möglichst frühzeitig informiert werden. Man sollte auf keinen Fall erst eine Nacht abwarten. Die Todesursache Nummer eins bei vermissten Personen ist Unterkühlung“, sagt Jutta Exeler. Je frischer die Spur, desto einfacher kann der Hund sie verfolgen. Staffelleiter Friedel Rode ist jederzeit unter der Handynummer 0152/24057387 zu erreichen. Üblicherweise informiert die Einsatzleitstelle den Verein, der seine interne Telefonkette in Gang setzt und sich umgehend am Einsatzort trifft. „Wer kann, verlässt nach Absprache mit seinem Arbeitgeber auch den Arbeitsplatz um zu helfen“, sagt Jutta Exeler.
Unter den Grafschafter Rettungshunden gibt es zwei Sorten von Spezialisten. Spürnasen wie Mischling Ronja sind so genannte „Mantrailer“: Diese Hunde können eine einzige konkrete Geruchsspur verfolgen. Dafür schnüffeln sie an einem Gegenstand des Vermissten, zum Beispiel einem Taschentuch, und nehmen an der Leine die Fährte auf. Selbst bei Anwesenheit vieler Menschen – zum Beispiel in der Stadt – können sich „Mantrailer“ auf eine Spur konzentrieren. Flächensuchhunde eignen sich dagegen für den Einsatz ohne Leine in Wald und Feld. „Ein Flächensuchhund zeigt alle Menschen bellend an, die er aufspürt. Das kann also auch ein Pilzsammler sein“, erklärt Regina Schroven, Ausbildungsleiterin der Hundestaffel. Grundsätzlich machen sich Rettungsteams immer zu dritt auf die Suche: Hund, Hundebesitzer und ein Helfer.
ahezu alle Rassen sind für die Arbeit in einer Staffel geeignet. Ein Rettungshund sollte gesund sein, ein freundliches Wesen haben, gerne suchen und stöbern, sich leicht motivieren lassen und eine enge Bindung zu seinem Halter haben. Gute Voraussetzungen erfüllen in der Regel Rassen wie Retriever, Labradore oder Schäferhunde. Während ein kleiner kompakter Beagle wegen der kurzen Beine für die Flächensuche eher ungeeignet ist, hat er aber möglicherweise die richtige Nase, um als „Mantrailer“ eine konkrete Spur zu verfolgen. Dass es nicht unbedingt auf die Größe ankommt, beweist auch Jack Russel Emma. Der kleinste Vierbeiner der Staffel ist ausgebildeter Flächensuchhund – klein, aber oho.
Bevor Hund und Mensch zum Einsatz dürfen, müssen sie eine Prüfung bestehen. Der Grafschafter Verein ist Mitglied im Bundesverband zertifizierter Rettungshundestaffeln. Zurzeit gibt es im Landkreis sieben Hunde, die ihre Ausbildung bereits abgeschlossen haben. Bei der „Kleinen Flächenprüfung“ muss der Hund beispielsweise in einem 50000 Quadratmeter großen Gelände in 30 Minuten eine vermisste Person finden. Dann folgt die „Große Flächenprüfung“: Auf 100000 Quadratmetern muss der Vierbeiner in einer Stunde bis zu drei Personen finden.
Das Entscheidende ist, dass der Hund bei der vermissten Person bleibt und wartet, bis die Helfer da sind. „Der Hund darf nur bellen, die Person aber keinesfalls angreifen – auch wenn zum Beispiel ein Betrunkener nach dem Hund schlägt“, sagt Ausbildungsleiterin Regina Schroven. Training brauchen auch die Menschen: Erste Hilfe, Funkausbildung, Karten- und Kompasslehre, Einsatztaktik und Kynologie, also die Körpersprache des Hundes, stehen für die Zweibeiner auf dem Trainingsprogramm. „Man muss seinen Hund lesen können“, nennen die Hundeführer die wohl wichtigste Eigenschaft: Ein Besitzer muss an der Körpersprache genau erkennen können, was der Hund gerade mitteilen will.
„Angst vor Vermissten, die ja manchmal alkoholisiert oder aggressiv sind, habe ich noch nie gehabt. Man ist vor allem froh, jemanden endlich gefunden zu haben“, sagt Vereinsmitglied Anja Jankowsky. Ein richtig ungutes Gefühl hatte die 39-Jährige allerdings einmal bei einer Übung im Bentheimer Wald. Im Stockdunklen war sie mit Jack Russel Emma im Sucheinsatz. Schon der beißende Geruch machte klar: Hier suhlen sich Wildschweine. „Da darf man sich nicht verrückt machen und sich vorstellen, mitten in der Nacht auch noch einer Wildsau zu begegnen“, sagt die Hundeführerin. So trainieren gerade die Nachteinsätze einer 24-Stunden-Übung mentale Stärke, die sich bei realen Einsätzen auszahlt.
Ein bis zweimal pro Woche treffen sich Hunde und Halter zum Üben. Der Verein sucht dafür ständig Trainingsgelände, weil Hunde immer wieder in ihnen unbekannten Wäldern und Feldern auf die Suche gehen sollten. Wann es zum Ernstfall kommt, ist nicht vorherzusagen. In der Vergangenheit gab es einmal vier Einsätze in einer Woche, 2009 dagegen wurde die Staffel noch gar nicht gerufen. Zurzeit hat der Verein 20 Mitglieder zwischen 17 und 70 Jahren. „Wir suchen weitere Interessierte mit und ohne Hund“, wirbt Jutta Exeler um Mitstreiter. Die Rettungshundestaffel ist in den Katastrophenschutz Grafschaft Bentheim integriert und arbeitet eng mit anderen Organisationen wie Malteser Hilfsdienst, Feuerwehren und Pfadfindern zusammen. Kontakte bestehen auch zu Tierärzten und einem Notfallseelsorger, der beispielsweise in Seminaren erklärt, worauf Helfer achten müssen, wenn sie Personen in Extremsituationen auffinden. „Wir verstehen uns übrigens in keinem Fall als Konkurrenz der Polizeihundearbeit. Rettungshunde haben nichts mit Strafverfolgung zu tun und sind nicht als Schutz- oder Drogenspürhunde einsetzbar“, beschreibt Jutta Exeler die Spezialisierung ihrer Schützlinge auf die Vermisstensuche.
Mancher Einsatz entpuppt sich auch als falscher Alarm. Zum Beispiel, als ein Rentner vergessen hatte, sich bei seiner besorgten Familie für eine Butterfahrt abzumelden. Als die Hunde schon bei der Personensuche waren, tauchte der Senior wohlbehalten von seinem Ausflug wieder auf. Die Einsätze beanspruchen Zeit und Engagement, sind ansonsten aber kostenlos, da alle Rettungshundeteams ehrenamtlich arbeiten. Die Staffel finanziert sich ausschließlich aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden. Darüber hinaus investieren die Helfer viel privates Geld. Einsatzkleidung und Materialien wie das Funkgerät kosten pro Mitglied etwa 800 Euro.
Die Rettungshundestaffel Grafschaft Bentheim e.V. informiert auch im Internet über ihre Arbeit: www.rettungshunde-nordhorn.de. Der gemeinnützige Verein freut sich über Spenden: Kreissparkasse Nordhorn. Kontonummer 5024997, BLZ 26750001.































